Saturday, April 30, 2016

Malleshwaram II




Mit Bengaluru by Foot kann man geführte Spaziergänge durch unterschiedliche Gegenden der Stadt machen. Malleshwaram bot sich zur Vertiefung meiner eigenen Exkursionen an. Es ging hier vor allem darum, historische Häuser anzuschauen, in die wir – teilweise – auch eingelassen wurden.



Leider gibt es nicht mehr viel alte Bausubstanz in Bangalore. Das hat vor allem damit zu tun, dass keinerlei Interesse der Stadtverwaltung an der Bewahrung historischer Architektur besteht. Das lässt die Erben solcher Häuser meist sehr allein, die sich eine Instandhaltung solcher Schmuckstücke oft nicht leisten können. Zudem bieten Immobilienspekulanten unglaubliche Summen für solche Grundstücke, die sie zu entwickeln versprechen und den ehemaligen Eigentümern auch Eigentumswohnungen zur Verfügung stellen. Wenn beispielsweise mehrere Geschwister eine solche Erbschaft machen, können auf diese Weise alle profitieren. Da haben es historische Strukturen nicht leicht.



In Malleshwaram sind die ältesten Häuser etwa 150 Jahre alt. Viele, die wir angeschaut haben, datieren jedoch aus den 1930er und 1940er Jahren. Angelegt war der Stadtteil mit unterschiedlichen Grundstücksgrößen und Layouts, so dass sowohl ärmere als auch reichere Inder Grundstücke erwerben konnten. Die Kanalisation war die große Neuerung. Zunächst wurden die Abwässer jedoch über geschlossene Kanäle in Seitengassen abgeleitet und an einem bestimmten Punkt eingesammelt und aufs Land verbracht. Das war aber schon eine Verbesserung gegenüber den Bedingungen der Altstadt, die wohl auch zum Ausbruch der Pest geführt hatten. Insofern hatten viele Häuser direkt vor der Tür oder im Innenhof einen Brunnen.



Die Häuser zeichnet grundsätzlich aus, dass die – sehr dunklen – Gemeinschaftsräume im Inneren des Hauses liegen. Sie haben sehr hohe Decken und Oberlichter, die auch für Ventilation sorgen. Daher sind sie oft erstaunlich kühl, selbst in der aktuellen Backofenhitze.



Dann gibt es Innenhöfe, die die Wohnräume mitunter mit der Küche verbinden oder aber für diverse Hausarbeiten genutzt werden. Früher gab es auch immer einen kleinen Kuhstall direkt am Haus, heute sind das Garagen oder Schuppen oder diese Gebäude sind abgebrochen und anderen Grundstücken zugeschlagen.



Wenn die Häuser von den Besitzern gehalten und renoviert werden, entstehen oft tolle Schmuckstücke, die mitunter in großartigen Gärten stehen. Für das Klima im Haus es ist hier wirklich wichtig, Bäume um das Haus herum zu haben, denn jedes Grün in Kombination mit Schatten schafft im Haus ein angenehmeres Klima.



Einige der besichtigten Häuser sind mehr oder weniger verlassen: Ein Gebäude dient heute als Mädchenschule, en anderes war mal ein Heim für Kinder mit Problemen, das aber vor einiger Zeit ausgezogen ist. Die Erben hatten die Grundstücke der Stadt zur Verfügung gestellt. So ist zu hoffen, dass die auch dafür sorgt, dass die Häuser stehen bleiben. Sicher ist das allerdings nicht.



Leider kamen wir nicht wie versprochen in alle Häuser rein, manchmal war die Absprache mit dem Sohn getroffen, aber nun nur die Mutter zu Hause oder aber das Haus zu unordentlich, um Gäste hinein zu lassen. Zudem waren die früheren Gruppen wohl immer viel kleiner, wir waren jedoch 10 Personen.



Toll war die Villa Pottapati, die heute ein kleines Boutique Hotel ist, aufgekauft von einer Kette, die historische Bausubstanz in Hotels umwandelt und auch entsprechend mit historischen Gegenständen einrichtet. Wir hatten nicht nur das Glück, im schattigen Garten ein großartiges Frühstück serviert zu bekommen, sondern auch die meisten Zimmer besichtigen zu können, da sie gerade nicht belegt waren. Ein wirklich schöner Ort und man ist direkt sehr dankbar für ein solches Engagement.



Interessant sind auch manche Details. In den Wohnräumen gibt es beispielsweise Unter-Ziegel. Auf diese Weise wird zwischen Ziegeln und Unter-Ziegeln nochmal ein Luftpolster als Isolation geschaffen. Gleichzeitig dient die Untersicht als Dekoration. In den Flurbereichen gibt es so etwas nicht, hier kann man aber sehen, dass die Dachziegel von 1865 aus den Basel Mission Tile Works kommen.



Das letzte Haus, das wir besichtigen konnten, ist wohl ein Star, in dem schon diverse Filme gespielt haben. Der Sohn des Erbauers bewahrt auch viele Gegenstände seiner Vorfahren auf, so dass er auch ein altes Foto zeigen konnte. An diesem Haus zeigt sich aber auch die Schwierigkeit, mit der alten Substanz umzugehen. Denn zum einen war das Grundstück früher viel größer, nun stehen rechts und links direkt Wand an Wand zwei große Gebäude. Vor dem Haus ist nur ein Mango-Baum übrig geblieben, sicher gab es früher auch einen sehr schönen Garten.



Nachtrag: Auf dem Foto ist der Regisseur von Kannada-sprachigen Filmen Yaragudipati Varada Rao mit seiner Familie zu sehen. Das kleine Mädchen ist möglicherweise seine Tochter Lakshmi, die eine berühmte Schauspielerin ist.

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