Friday, January 05, 2007

Paul Graham: American Night

Weiß ist Licht. Weiß ist Reinheit. Weiß ist Unschuld. Weiß ist Paul Grahams Fotobuch American Night. Die „Amerikanische Nacht“ ist nicht nur als Titel eines Films von François Truffaut bekannt, sondern auch als ein Filter in der Filmtechnik, der es erlaubt, Nachtszenen tagsüber zu drehen. Der Tag wird im Film zur Nacht. Die Nacht ist jedoch eine Täuschung. Mit dieser Technik wird das Weiß besonders eindringlich erleuchtet: So entsteht das geheimnisvolle Gleißen von Cary Grants weißem Hemd, mit dem er im Finale des Hitchcock Films Der unsichtbare Dritte in den Präsidentengesichtern am Mount Rushmore herumklettert. Im Englischen heißt dieser Filter „Day for Night“. Auch American Night treibt ein verwirrendes Spiel mit Licht und Dunkel und setzt sich mit den amerikanischen Verhältnissen auseinander.

Der großformatige Band ist ganz in weiß gehalten, der Titel in den weißen Leinenumschlag geprägt. Sämtliche Texte sind weiß auf weiß gedruckt, was das Lesen nur bei guten Lichtverhältnissen möglich und sehr mühsam macht. Fotografie ist Sehen, ist Visualisierung. Doch Graham spielt mit der Möglichkeit, sehend nichts zu sehen. Der Großteil der Fotografien ist viel zu hell, die Helligkeit lässt die Farben verblassen. Es ist schwierig, Details zu erkennen. Die weitwinkligen Aufnahmen zeigen Szenen der urbanen Peripherie oder entvölkerter Zentren amerikanischer Städte. Ausfallstraßen, Parkplätze, heruntergekommene Freiflächen, Sportplätze, Schnapsläden. Die fotografierten Gegenden wirken desolat, unbehaust, menschenleer. Es sind Orte des Transits, die man mit dem Auto durchfährt, um höchstens für eine kurze Rast anzuhalten. Und doch halten sich zwischen Strommasten, Hydranten, zerfallenden Schuppen, alten Werbeschildern und zugemüllten Grundstücken einzelne Menschen auf. In der Bildmitte ist – meist weit entfernt – eine einzelne Figur kaum erkennbar, aber dennoch präsent. Ist in den ersten sechs Fotografien der Abstand sehr groß, verringert sich die Distanz ein wenig im weiteren Verlauf des Buches, ohne jedoch die Möglichkeit zu bieten, Personen oder Szenerie wirklich klar zu erkennen. Die rechtsseitig angeordneten ‚weißen’ Bilder werden unterbrochen durch einzelne korrekt belichtete Fotografien großzügiger Häuser, deren Garagen meist Platz für mehr als zwei Autos bieten. Diese Fotografien sind menschenleer. Lediglich die Autos vor den Türen geben einen Hinweis auf die Bewohner. Die Gegensätze der beiden Bildwelten sind nicht zu übersehen. Die Farbigkeit unterstreicht lediglich, was ohnehin schon bekannt ist: Die Unvereinbarkeit des repräsentativen Wohlstands und solcher Bereiche, die die ausgefransten gesellschaftlichen Ränder markieren.

In fast polemisch zu nennender Haltung zeigt Graham die Sichtbarkeit des amerikanischen Traums, der alles, was nicht in dieses Bild passt, neben sich verblassen lässt. Soziales Elend, Armut, Not betrifft nicht diejenigen, die stolz ihr Haus herzeigen können. Die, die am Rand der Gesellschaft leben, werden unsichtbar. Die hellen Bilder lassen zwar die Farben verblassen, dennoch ist die dunkle Hautfarbe der Protagonisten nicht zu übersehen.

In der Mitte des Buches wird der Bildfluss der hellen Sequenzen mit den eingewebten Villen-Fotografien unterbrochen. In zehn Bildern zeigt Graham vollfarbig dunkelhäutige Menschen aus der Nähe. Sie sind als Passanten auf der Straße meist schemenhaft fotografiert. Sonnenstrahlen lassen Gesichter oder Physiognomien aus der Düsternis der innerstädtischen Straßenschluchten hervortreten. Diese Fotografien vermitteln auf sehr direkte Art Armut und soziale Ausgrenzung. Die Menschen schauen ernst, angestrengt, skeptisch, provozierend oder abweisend. Ebenso wie die fotografierten Villen den Status ihrer Bewohner zur Schau stellen, offenbaren die hier gezeigten Menschen sehr direkt ihre soziale Lage.

Das Intermezzo beginnt und endet jeweils mit der Fotografie einer Person im Profil, deren der Kamera zugewandtes Auge durch einen Verband abgedeckt ist: Sehen und Nicht-Sehen sind hier erneut thematisiert. Und auch die Textausschnitte aus Jose Samaragos „Stadt der Blinden“, sowie aus Herman Melvilles „Moby Dick“ greifen dieses Thema auf. Aus Melvilles Buch zitiert Graham nicht die berühmte Passage über das Weiß des Wals, sondern eine Reflexion darüber, dass es zwar möglich ist, zwei nah beieinander liegende Dinge gleichzeitig zu sehen, jedoch unmöglich, sie gleichzeitig eingehend zu untersuchen. Stets wird das andere aus dem Blickfeld verdrängt.

Graham nähert sich der (Un-) Sichtbarkeit sozialer Gegensätze auf konzeptuelle Weise. Sein Ansatz stößt an die Grenzen der Dokumentarfotografie. Denn einerseits zeigt er soziale Gegebenheiten, die sich dem dokumentarischen Blick seiner Kamera darbieten. Andererseits verstößt er gegen die dokumentarische Konvention der Bildgestaltung – die Abzüge sind viel zu hell – um die Aussage seiner Fotografien zu konkretisieren. Graham versucht nicht, ein ausgewogenes, einheitliches Bild der amerikanischen Gesellschaft zu zeigen. Vielmehr vertreibt er den Anschein eines gesellschaftlichen Zusammenhalts. Seit den 1970er Jahren sind die mitunter trostlosen Kleinstadt- und Vorortsituationen amerikanischer Städte von Fotografen wie William Eggleston oder Stephen Shore fotografisch dokumentiert. Doch ihre Dokumentarfotografie gibt dem Land Einheit: Die attraktive Farbigkeit sowie das sprichwörtliche amerikanische Licht rücken das Desolate in den Hintergrund und schlagen Brücken zwischen den sozialen Realitäten. Graham zerstört hingegen durch die Überbelichtung jegliche Illusion. Er konzentriert sich in der Darstellung auf den Bruch, durch den zwei nicht miteinander vereinbare Gesellschaften entstehen.

Trotz der klaren Aussage bleibt Grahams Buch vieldeutig. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit werden auf subtile Weise miteinander verbunden. Durch die zahlreichen Verweise auf Fotografie, Film und Literatur entstehen verschiedene Ebenen, auf denen das Buch betrachtet werden kann. Es lassen sich wiederholt neue Aspekte und Lesarten entdecken, was die Beschäftigung mit American Night zu einer spannenden Begegnung mit den vielfältigen Möglichkeiten der zeitgenössischen künstlerischen Dokumentarfotografie werden lässt.

Nicht sehen können und nicht sehen wollen liegen manchmal näher beieinander als man denkt.


Paul Graham, American Night, Göttingen 2003, Steidl Verlag
128 Seiten, 60 Abbildungen
Format: 29cm x 38cm


Bildbeispiele finden sich hier: http://www.steidlville.com/books/47-American-Night.html

Texte über Fotografie

Nachdem die Reiseaktivität seit längerem beendet ist, möchte ich mich an dieser Stelle in Zukunft mit Fotografie, insbesondere einer künstlerischen Fotografie beschäftigen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Fotobüchern. Es werden aber auch Ausstellungen oder andere Events vorgestellt, die mit Fotografie zu tun haben.

Das Medium Buch stellt eine ideale Form der Präsentation von Fotoarbeiten dar. Zwischen den Buchdeckeln ist ein Projekt wirklich beendet. Reihenfolge, Formate und Bildkombinationen sind festgelegt. Das Buch lässt sich transportieren oder verschicken, alleine oder zu mehreren Personen anschauen. Fotobücher ermöglichen eine intensive Beschäftigung mit dem Medium Fotografie. Ein Buch lässt sich kurz durchblättern oder jede einzelne Fotografie lange anschauen. Es lässt sich von vorne nach hinten, hinten nach vorne blättern oder willkürlich aufschlagen. Wenn es im eigenen Regal steht, kann man es immer wieder hervorholen und von Neuem betrachten. Manche Bücher bleiben immer gleich, andere scheinen sich zu wandeln, weil der eigenen Blick sich verändert. Ob ein Buch schon sehr alt ist oder erst kürzlich erschienen, ob es im Antiquariat für viel Geld gehandelt wird oder billig verramscht, ob die KünstlerInnen bekannt oder unbekannt sind, spielt keine Rolle. Entscheidend ist allein die Qualität des fotografischen Ansatzes.

Monday, July 31, 2006

Tokyo – Köln

Nach einem Monat Köln scheint Tokyo doch sehr weit entfernt.

Die Maus bewacht den Fuji...

und einige Kölsch-Flaschen zeigen noch die einst vorhandenen Verbindungen zwischen Köln und Japan.

Bald wird wohl nur noch asiatisches Schuhwerk daran erinnern, dass Tokyo mal präsenter war als Köln.

Friday, June 30, 2006

Abschied von Tokyo

Der Abschied fällt nach drei Monaten schwer. Das Gefühl, längst nicht alles Wichtige gesehen, vielleicht doch so vieles verpasst zu haben, paart sich mit Wehmut, diese spannende und aufregende Stadt schon wieder verlassen zu müssen.
Das Bahnfahren auf der Yamanote- und der Sobu-Linie gehörte wohl zu den prägendsten Erlebnissen des Aufenthaltes, weil ich sie am häufigsten benutzt habe.

Die Fischteiche, die von Anglern bei jedem Wetter frequentiert werden an der Station Ichigaya, wo man aussteigt, um zum Deutschen Institut für Japanstudien zu gelangen, bei dem ich mich für das Ermöglichen meines Japanaufenthaltes auf jeden Fall bedanken möchte.

Das gebrochene Orange der Chuo-Linie, die als Express parallel zur Sobu-Linie fährt und wegen ihres altmodischen Aussehens und der Farbe meine Lieblingslinie ist.

Die Ausblicke aus der Sobu-Linie, die zum morgendlichen und abendlichen Repertoire gehören.

Die kleinen Einblicke in die Metropole...

Bahnhöfe, Kiosks...

zufällige Aussichten...

auf die Stadt...

und die Menschen.

Bedanken muss ich mich wohl bei der japanischen Polite Industry, die für einen reibungslosen Aufenthalt gesorgt hat.

Es bleibt der Wunsch und die Hoffnung, bald wieder nach Japan reisen zu können.

Taxi


Taxifahren ist in Japan sehr speziell. Es beginnt damit, dass man die Türen nicht selbst öffnet oder schließt, sondern der Fahrer einen Mechanismus betätigt, um dies zu tun. Der Fahrer ist in der Regel ein älterer Herr, der weiße Handschuhe trägt. Steht man mit viel Gepäck am Straßenrand, dauert es meist eine Weile, bis der Taxifahrer versteht, dass man nicht sofort einsteigen, sondern erst noch Gepäck im Kofferraum verstauen möchte.

Hat er das begriffen, öffnet er von innen den Kofferraum, möglicherweise entsteigt er auch seinem Wagen. Dass er einem aber behilflich wäre, das Gepäck im Kofferraum zu verstauen: Fehlanzeige. Mir wurde dabei höchstens interessiert zugeschaut. Aber große Taschen sollte man vermutlich ohnehin besser selbst hineintun, denn mancher Taxifahrer hat das Rentenalter schon vor langer Zeit erreicht, dass Schlimmstes zu befürchten wäre, würde er selbst schweres Gepäck heben.

Im Inneren sind die Taxisitze stets mit weißen Spitzenbezügen überzogen, zum Teil auf eine Weise, die es unmöglich macht, sich anzuschnallen. Die Verständigung ist jedoch selten ein Problem, so lange man einen Zettel mit der Zieladresse mit sich führt oder die japanischen Begriffe für rechts und links kennt und Anweisungen geben kann, wenn man den Weg weiß.

Die ersten zwei Kilometer werden pauschal abgerechnet, danach gibt es Kilometerpreise, die je nach Taxiunternehmen variieren können. Am Ziel angelangt gibt man KEIN Trinkgeld. Man bezahlt lediglich den Betrag vom Taxameter. Trinkgeld ist in Japan unbekannt und würde wohl eher als Beleidigung angesehen. Wie auch immer, die Tür öffnet sich, man steigt aus und hievt das Gepäck abermals alleine aus dem Kofferraum.

Seine Pausen verbringt der Taxifahrer übrigens gerne in seinem Wagen. Am Straßenrand bei laufendem Motor (für die Klimaanlage) isst und trinkt er und macht seinen Mittagsschlaf. Will er nicht gestört werden, hängt er vielleicht noch ein Tuch vors Fenster.

Leerstellen


Trotz oder gerade wegen dichtester Besiedlung trifft man in Japans Großstädten immer wieder auf leerstehende Grundstücke. Oft handelt es sich dabei um winzige Parzellen, die vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt bebaut werden sollen.

Manchmal sind alte Häuser abgerissen worden und die Grundstücke werden vielleicht erst bebaut, wenn auch noch weitere Nachbarparzellen hinzukommen. Das hängt wohl auch mit der Erbschaftssteuer zusammen, die auf Häuser erhoben wird und es den meisten unmöglich macht, die Häuser ihrer Eltern oder Großeltern in innerstädtischen Bereichen zu behalten.

Denn der Grundstückswert allein beträgt heute ein vielfaches der Häuser, die darauf stehen. Kann man die Erbschaftssteuer nicht finanzieren, bleibt nur der Verkauf des Grundstücks an einen Investor. Auf diese Weise werden nach und nach alte Viertel völlig verändert, weil auf Grundstücken, wo vorher ein zweistöckiges Haus stand, plötzlich zehnstöckig gebaut wird.

An anderen Stellen versteht man die Brache nicht, kann sich aber daran freuen, dass eben doch nicht jedes noch so kleine Stück bebaut ist.

(Falscher) Linksverkehr


Als Inselnation war England vermutlich das große Vorbild, weshalb in Japan auch Linksverkehr herrscht. Während es nicht so schwierig ist, sich als Fußgängerin an den ›falsch‹ fahrenden Autoverkehr zu gewöhnen, macht es in großen Menschenmengen doch manchmal Mühe. Man geht links.

Auf schmalen Bürgersteigen kann es da schon mal zu Fast-Kollisionen kommen, wenn sich die Ausländerin noch nicht daran gewöhnt hat.
Aber nicht immer halten sich die Japaner an die Regel, was vermutlich damit zusammenhängt, dass es sehr viele Ausnahmen gibt. In den U- und S-Bahnen ist die Laufrichtung meistens ausgeschildert. Pfeile auf dem Boden zeigen einem, wo es lang geht. Sehr oft soll man plötzlich rechts gehen, da kann man schonmal ins Torkeln geraten.

Auf den Rolltreppen steht man auch links und überholt rechts.

Aber: in Kyoto ist das anders, da steht man rechts und überholt links, aber eben nur auf der Rolltreppe, sonst nicht. Da soll sich einer zurecht finden. In Hiroshima bin ich jedenfalls dauernd mit Leuten zusammengestoßen, weil offensichtlich niemand genau wusste, ob man nun links oder rechts geht und wohin ausgewichen wird.

Sendetürme


Der Tokyo Tower hat große Konkurrenz. Im Stadtbild gibt es nämlich noch jede Menge Sendemasten, die teilweise ähnliche Stahlkonstruktionen aufweisen und deshalb von weitem mit ihm verwechselt werden können (das meint jedenfalls meine amerikanische Mitbewohnerin). Ähnlichkeiten bestehen häufig auch in der Farbgebung, was mit Sicherheitsvorschriften für den Luftverkehr zusammenhängt.